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Zwei veredelte Sportler

03.01.2008

Zwei veredelte Sportler — AUTO BILD SPORTSCARS 1/2008

Starke Sturmspitzen Zwei Tuner auf dem Weg nach ganz vorn: Sportec und Eibach wagen sich mit zwei burschikosen Boliden in Regionen jenseits der 400 PS – ohne Netz und doppelten Turbo. Volltreffer oder Eigentor?

Von Ben Arnold England gegen Deutschland – vor allem im Fußball ein Zweikampf-Dauerbrenner. Aktuell ist good old Germany im Hintertreffen: Zehn Siegen stehen vierzehn Niederlagen gegenüber. Zwei Tuner verlagern das Duell der Nationen von Rasen auf Asphalt und schicken zwei aufgemotzte Stürmer ins Rennen. Dem britischen Aston Martin hilft paradoxerweise der deutsche Fahrwerksspezialist Eibach auf die Sprünge, beim Porsche fungiert der Schweizer Tuner Sportec als Steigbügelhalter. Beide hinterlassen bleibende Spuren: Eibach montiert ein Spoilerkit aus Carbon. Es umfasst Frontspoilerlippe und Heckflügel und soll den Auftrieb um 45 Prozent verringern. Außerdem kommen markante AEZ-Schmiederäder im 19-Zoll-Format zum Einsatz. Die exotische Anmutung des Aston kontert Sportec mit Vertrautem: Als Ausgangsprodukt hält offensichtlich der GT3 her. Eine optische Täuschung: Ein Carrera S dient als Basis, aufgerüstet mit dem bei Porsche erhältlichen Upgrade "Aerokit Cup" – starrem Heckflügel und Frontspoilerlippe. Mit 415 PS leistet das Sportec-Auto 60 PS mehr als die Ausgangsbasis – und exakt so viel wie ein GT3.
Eibach kauft die Mehrleistung in England ein.

Die Mehrleistung des Aston Martin stammt wie das Auto von der Insel.Dem steht der SP420 charakterlich sehr nahe: Zum einen drängt sich seine nach Drehzahl lechzende Maschine für Höhenflüge jeglicher Art geradezu auf. Erst ab 5500 Umdrehungen kommt richtig Leben in die Brennräume. Zum anderen präsentiert sich beider Kaltlaufverhalten unter aller Kanone. Auf die Sprünge hilft dem Porsche eine Hubraumerhöhung von 3,8 auf 4,1 Liter – immer noch die ehrlichste Art, gut und haltbar Leistung zu generieren. Darüber hinaus verbauen die Eidgenossen ein neues Ansaugsystem und einen Sportauspuff plus Fächerkrümmer. Die Mehrleistung des Aston Martin stammt wie das Auto von der Insel. Eibach greift auf ein Tuningprodukt von Prodrive zurück – ein nicht nur in Rennsportkreisen bekannter Name. Prodrive-Chef David Richards hat im März kurzerhand Aston Martin gekauft – eine denkbar clevere Art, vom Tuner zum Hersteller aufzusteigen. 50 Extra-PS sollen optimierte Elektronik und sportkatbewehrter Auspuff bringen. Eine Klappensteuerung im Endschalldämpfer lässt den Aston Martin ab 4000 Umdrehungen fast schmerzerfüllt losbrüllen. Eibach beziffert den Testwagen jedoch nur auf 402 statt serienmäßiger 385 PS. Wo die restlichen 33 PS abgeblieben sind, kann sich niemand so ganz erklären. Hat Prodrive gepatzt? Oder stand das Basisfahrzeug ungewöhnlich schlecht im Futter? Die Tatsache, dass die Mehrleistung ausschließlich direkt in England eingekauft werden kann, dürfte Interessenten zusätzlich verschrecken.

Der Sportec-Porsche scheint ohne Federung zu fahren.

Der Sportec-Porsche fährt dem Eibach-Aston auf der Rennstrecke davon.Die Messwerte fallen erwartungsgemäß mau aus. Mit seinen paar Zusatz-PS kommt der Aston sogar langsamer daher als das serienmäßige Pendant: 0 bis 100 km/h dauern 5,5 statt 5,2 Sekunden. Daran tragen neben den hochsommerlichen Temperaturen am Messtag auch die zusätzlichen Pfunde eine Mitschuld. Etliche der zusätzlichen Kilogramm (1715 statt 1650 Kilogramm) verschuldet das Alpine-Car-HiFi-Equipment. Weiß dafür jedoch zu entschädigen: Es glänzt mit brillanten Kickbässen und abgefahrenen Features im James-Bond-Stil: Die Einstellungen der Klimaautomatik werden über ein Aufklappen des Aschenbechers auf den Multimediabildschirm projiziert. Porsche-Tuner Sportec verschwendet keinen Gedanken an derlei Beiwerk. Die Schweizer haben nur ein Ziel vor Augen: Dem Carrera S das Letzte abzuverlangen. Dabei legen sie ihr Augenmerk weniger auf überragende Beschleunigung als vielmehr auf zusätzliche Durchzugskraft. So knöpft der Tuning-Porsche der Serie von 0 auf 200 km/h bei brütender Sommerhitze nur 0,5 Sekunden ab. Dafür zeigt unser Messgerät im vierten Gang von 60 auf 100 km/h einen gigantischen 1,8-Sekunden-Vorsprung an. Die vom Tuner angegebenen 310 km/h Spitze können wir nicht verifizieren. Warum? Weil selbst mutige Naturen bei spätestens 280 km/h kapitulieren. Hat der Tuner die Federung etwa komplett ausgebaut? So zumindest fühlt es sich an. Das Auto poltert, hoppelt, schlägt Haken und ist schwerer einzufangen als ein flüchtiger Sträfling. Überdies malträtieren quietschende Bremsen die Nerven – Abwertung.

Unterm Strich geht die Rechnung dennoch auf: Auf der Rennstrecke fährt das Sportec-Auto so ziemlich allem um die Ohren. Der SP420 präsentiert sich als Rennsemmel reinsten Wassers. Auch die hinterletzten Winkel der Motorsport-Arena Oschersleben durcheilt der Pilot mit ungeahnter Schnelligkeit. Könner braucht das Land – der 911er gibt sich bisweilen tückisch. Der Grip an der Vorderachse liegt auf einem derart hohen Niveau, dass die Haftung an der Hinterachse regelmäßig zuerst abreißt. Dann sind gute Reflexe gefragt, um den Dreher zu vermeiden. Hat man sich damit arrangiert, kennt der Spaß keine Grenzen. Die Lenkung wirkt ungeahnt feinfühlig, die Schaltwegeverkürzung spart bei jedem Gangwechsel wertvolle Hundertstelsekunden, und die großartige Bremsanlage wirft zuverlässig den Anker. Ihr Druckpunkt passt, die Dosierbarkeit begeistert – eine vertrauenerweckende Lösung. Der veredelte V8 Vantage kann kaum Paroli bieten. Eibach versucht zwar, mit einem Sportfahrwerk mit zwei verschiedenen Kennlinien Boden gutzumachen. Zur Wahl stehen ein Alltags-Setup und eine deutlich härtere Rennstreckenabstimmung. Es vermag jedoch nicht, die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Angesichts zu langer Schaltwege, zu leichtgängiger Lenkung und nachlassender Serienbremse gibt der V8 Vantage deutlich zu verstehen, dass sein bevorzugtes Revier abseits der Rennstrecke zu finden ist. Punkt für Deutschland – und vorerst keine Revanche-Chance für England. Zumindest nicht bei der nächsten EM. Schade.




Eibach vs. Sportec